Soldatenausbildung anno dazumal

Die „Blätter für die Militär-Beamtungen“ vom 24. August 1907 enthalten einen Bericht über die Rekrutenausbildung anno 1843. Ein Veteran schildert in seinen „heiteren Bildern aus dem Soldatenleben der Vierzigerjahre“ eine typische Drüllmusterung aus den Zeiten des weissen Lederzeugs:

+ + +

Es ist bekannt, dass die Militärinstruktion in früherer Zeit ungemein gemütlich vor sich ging. Meistens waren es alte Neapolitaner (1), welche mit der wichtigen Mission der Wehrausbildung betraut waren.

Im Vorberichte zum damaligen eidgenössischen Exerzierreglemente heisst es: „Jeder Exerziermeister soll soviel als möglich die Fehler, die ein Mann beim Exerzieren begeht, mit Worten und deutlicher Erklärung zu verbessern trachten und nur wenn es die Not erfordert, die Leute berühren“.

Unter „berühren“ war aber nicht ein Berühren mit dem Zeigefinger verstanden, sondern leider in sehr vielen Fällen mit der Faust oder auch mit der Schuhspitze.

Es sind zwei Arten von Kommandos: Avertissements und Ausübungskommandos.
Die Kommandoworte, welche durch einen Zwischenstrich getrennt sind, werden im Kommandieren auch abgesetzt ausgesprochen.
Weil man die Worte „Gewehr“, „Ploton“, „Patron“, „Fertig“ als Ausübungskommandos nicht kurz genug aussprechen kann, damit die Bewegungen rasch und zusammenhängend vollzogen werden, so wird man anstatt „Gewehr“ nur „’err“ und anstatt „Patron“ nur „’tron“ und anstatt „Fertig“: „’frrt“ kommandieren.

Es war im Herbst 1843, als ich zum ersten Male einer solchen Exerzierübung als Rekrut beiwohnte.
Ein alter neapolitanischer Korporal mit mächtigem Schnurr- und Backenbart nahm aushilfsweise uns Rekruten in die Finger. Er erklärte uns in schnarrendem Tone, was unter dem Ausdruck „Soldatenschule“ zu verstehen sei.
Wir Rekruten machten zu dieser Erklärung recht dumme Schafsgesichter.
Der Korporal, der erst einige Monate vorher von Neapel heimgekehrt war und ganz und gar absolut regimentsfähige Formen liebte, ermangelte nicht, uns von seinen Gefühlen Mitteilung zu machen, und zwar in Redeweisen, welche uns bewiesen, dass er trotz seiner langen Abwesenheit das schweizerdeutsche Schimpfwörterbuch noch nicht vergessen hatte. Einige hiessen „Maulaffen“, andere „Esel“, ich selber wurde als „grosser Görgel“ tituliert.

Unser Korporal hatte die Idee, wir Rekruten sollten nun alles, was er uns vier- bis fünfmal vorgeschnarrt hatte, auswendig können. Niemand von uns konnte diesem Korporalswunsche vollständig entsprechen und der Lehrmeister titulierte uns: „Dumme Härdöpfelgrinde“.

Am nächsten Exerziertage wurde zuerst repetiert und dann ging es zur Auslegung des ersten Abschnittes.

Die Stellung nehmen lassen:

1. Stellt euch
2. T’ Achtung
3. Ton

Die Stellung der Köpfe:   

1. Köpfe rechts
2. Köpfe links
3. steht!

Die Wendungen:  

1. Ploton rechts in den Flank’
2. Rechts – um
3. Ganze Wendung
4. Rechtsum – kehrt

Alle diese Übungen wurden uns vom Lehrmeister in exakter Weise vorgemacht, aber unter den zweiunddreissig „Knüssen“, wie er uns nannte, hatte es selbstverständlich einige „mordsungeschickte Teufel“, die dann schreckliche Donnerwetter aus der Kehle des Korporals hervorzauberten.

Am dritten Exerziertage wurden diese „Exerzitien“, wie sie der Korporal nannte, wiederholt und dann kamen wir zu den Handgriffen. Unser fluchender Korporal kannte die Handgriffe aus dem Fundamente und demonstrierte uns mit grosser Kunst- und Zungenfertigkeit, wie so ein „lausiger Regrut“ beim Regiment behandelt und „einexerziert“ werde. „So sollte man euch dressieren, ihr Malefizstössel“.

Schultert       – Err!     (2 Bewegungen)
Präsentiert    – Err!     (2 Bewegungen)
Beim Fuss    – Err!     (2 Bewegungen)
In Arm         – Err!     (3 Bewegungen)
Bajonett       - Ab!      (3 Bewegungen)
Verdeckt      – Err!     (2 Bewegungen)
Bajonett       – Auf!    (3 Bewegungen)
Fällt              – Err!     (2 Bewegungen)
Senkt das     – Err!     (2 Bewegungen)
zur Ispekt     – zion!    (3 Bewegungen)

Am vierten Exerziertage kamen wir zu der Ladung in zwölf Tempos (2). Der Korporal „Schnurredies“, welchen Spitznamen sie ihm aufgesalzen, war bedeutend angetrunken und fluchte und tobte wie ein Rheinbub.

1.     Ladt          – Err!         (3 Bewegungen)
2.     Pfann          – Auf!        (1 Bewegung)
3.     Greift          – Tron!       (1 Bewegung)
4.     Oeffnet       – Tron!       (1 Bewegung)
5.     Pulver         – Pfann!     (1 Bewegung)
6.     Schliesst     – Pfann!     (1 Bewegung)
7.     Schwenkt   – Err!         (2 Bewegungen)
8.     Tron           – Lauf!       (1 Bewegung)
9.     Ladstock    – Raus!      (3 Bewegungen)
10.   Stosst         – Ladung!   (2 Bewegungen)
11.   Ladstock    – Ort!         (3 Bewegungen)
12.   Schultert     – Err!         (3 Bewegungen)

Das Feuern:
Ploton              – Fert!          (3 Bewegungen)
Schultert           – Err!           (2 Bewegungen)
Ploton              – Fert!          (3 Bewegungen)
T’ab!                –  - -            (1 Bewegung)
Setzt                 –  ab!           (1 Bewegung)
T’an!                –  - -            (1 Bewegung)
Feuer!              Losgedrückt und stillgestanden

Wir hatten natürlich bei diesen Übungen im „Feuerexerzieren“ keine Patronen, aber einzelne Rekruten gebärdeten sich beim Losdrücken gleichwohl, als hätten sie Furcht, der Schuss käme hinten hinaus.

 

Anmerkungen:

(1) Als „Neapolitaner“ wurden die Heimkehrer aus neapolitanischen Diensten bezeichnet. Im Königreich  Neapel standen vier Schweizerregimenter und ein Jägerbataillon. Dessen Veteranen wurden oft als Instruktoren in der Heimat eingesetzt, wo sie ihre im Ausland erworbenen Erfahrungen und Kenntnisse (mehr oder weniger erfolgreich) weitervermittelten.

(2) Die Rekruten waren im Herbst 1842 offenbar noch mit dem Steinschlossgewehr (Modell 1777 respektive Ord 1817) ausgerüstet. Das Laden dieser Flinten geschah in 12 Schritten. Mit der Einführung der Perkussionsgewehre (Ordonnanz 1842) wurde der Vorgang um vier Schritte reduziert.

Quelle: Beitrag von Hans Engel in: „Der Tanzbödeler“ Nr 54 (1996)