"…wie hat der einfache Soldat zu General Dufours Zeit den Alltag erlebt?"
 

fragten sich einst die Gründerväter der "Compagnie 1861" beim Durchstöbern alter Dokumente.
Einen kleinen Einblick in den Militäralltag von anno dazumal geben uns zum Beispiel die "Drüllmusterung", das "Feldbiwak" und die "Habersackvisite".

zur Habersackvisite
zum Feldbiwak

Die Drüllmusterung


"Drüllmusterung" nannte man in alter Zeit die Inspektion. Inspiziert wurde vor allem die Waffenhandhabung und das "Manoevrieren" im Verband, während die Kontrolle der Ausrüstung im Rahmen der "Habersackvisite" stattfand.
Um die Musterung zu bestehen, hatten die Wehrpflichtigen, die aus dem ganzen Militärkreis auf dem Sammelplatz zusammengezogen wurden, unter Anleitung altgedienter Unteroffiziere die militärischen Grundkenntnisse zu erwerben.

Als Instruktoren dienten in den 1860er Jahren oft alte "Napolitaner", auch "Franzosen" und "Holländer", das waren Auslandheimkehrer, die ihr praktisches Wissen aus Fremden Diensten mitgebracht hatten

Bei der Ausbildung wurde stur nach den alten Exerzierreglementen gearbeitet. Für die Soldaten galt es zuerst viel Neues auswendig zu lernen, dann begann eine stumpfsinnige Abrichtung, während welcher bei jedem Einzelnen die nötigen Bewegungen eingeschliffen wurden, so dass sie nachher blindlings und im Schlaf beherrscht werden und im Verband präzis und geschlossen, "als wär's ein einzger Mann" zur Ausführung gelangten.

Die Methoden der "Erwachsenenbildung von anno-dazumal" sind nicht gerade zimperlich. Die Rekruten wurden vom Sergeanten übel ausgeschimpft und wenn es galt eine schlechte Haltung zu korrigieren, auch recht unsanft berührt. Vom Umgangston beim Exerzieren gibt uns das alte Zürcher Soldatenlied "Auf, auf ihr Seckelcheibe…" einen Eindruck. Niemandem wurde erklärt, wozu dieser monotone Drill nötig war.

Sinnlose Schinderei?
Als Drill wird die strenge, einförmige Ausbildung des Soldaten bezeichnet. Ziel des Drills ist die blinde Beherrschung von Bewegungsabläufen. Rekruten werden gedrillt - früher sagte man "dressiert". Ziel des Waffendrills ist die reflexartige Handhabung der Waffe und das automatische Reagieren auf Befehle und bestimmte Bedrohungssituationen. Soweit tatsächlich sinnvolle Verhaltensmuster eingeübt wurden, hatte das Wort, "Schweiss spart Blut" seine Berechtigung, wonach die Plagerei, die auf dem Exerzierplatz, Menschenverluste auf dem Schlachtfeld spart.

Beim Eintrainieren von automatischen Abläufen, will man erreichen, dass sich der Soldat auch unter Stress ohne jeden Zeitverlust so verhält, dass er für seine Einheit den grössten Nutzen bringt. Funktioniert die Einheit erfolgreich, erhöhen sich auch die Überlebenschancen des Einzelnen. Wird das Richtige geübt, macht der Drill auch für den Gedrillten Sinn.

Seltsame Sprache
Das Exerzieren in der Zeit von 1861 macht auf den heutigen Betrachter einen fremdartigen Eindruck. Die Kommandi, die der Vorgesetzte vor sich hinschnarrt, scheinen einer Fremdsprache zu entstammen. Beispielsweise bedeutet "Ladt - Err", dass die Truppe jetzt die Gewehre laden müsse. "Greift - Tron" heisst, dass die Papierpatrone aus der Tasche genommen wird. Dann folgt "Öffnet - Tron", wobei die Soldaten die Patrone oben aufbeissen und die Bleikugel zwischen den Zähnen behalten. Nach acht solchen Einzelschritten sind die Gewehre geladen, und die Mannschaft feuerbereit. Es folgt der Befehl: "legt - an", und je nach Distanz zum Zielobjekt "zielt - Brust" oder "zielt -Bauch" und schliesslich: "und - Feuer!" Dabei sollte die Salve wie ein Schuss krachen. Fürs Feuerexerzieren erhielten die Rekruten keine Patronen mit Pulver, sondern welche, die mit Sägemehl oder Sand gefüllt waren.

Das Ziel des Gewehrdrills war, dass die Leute die einzelnen Schritte gleichzeitig ausführten und die ganze Feuerlinie auf einen Schlag schoss, so wie das heute noch beim Feuerüberfall ausgeführt wird.

Zur Zeit, als mit Vorderladern geschossen wurde, musste der Soldat imstande sein, innerhalb einer Minute drei Schüsse abzufeuern und den vierten nachzuladen. Soldaten, die den Ladevorgang nicht blindlings beherrschten, verhaspelten sich im Eifer des Gefechts, kamen nicht nach mit Laden, verloren die Zündkapseln und verschossen ihren Ladstock. Nach jeder Schlacht wurden Gewehre aufgefunden, die im Lauf mehrere Ladungen stecken hatten, weil der betreffende Soldat in seiner Nervosität vergessen hatte abzufeuern, bevor er mit dem Nachladen begann.

Avertissement & Ausführungskommando
Damit eine Salve wie ein einziger Schuss zum Krachen gebracht wird, musste die Mannschaft exakt nach dem Befehlsrhythmus ihres Chefs funktionieren. Um den Rhythmus zu betonen, bestehen die einzelnen Kommandos aus zwei Teilen: dem "Avertissement" und dem Ausübungskommando. Mit dem Ersten wurde angekündigt, was zu tun sei, erst mit dem zweiten Teil wurde die eigentliche Aktion ausgelöst. Weil der Drüllmeister die Worte "Gewehr", "Peloton", "Patrone" als Ausübungskommandos nicht kurz und scharf genug aussprechen kann, damit die Bewegung rasch und zusammenhängend vollzogen werde, hat man anstatt Gewehr nur "'err" statt "Ploton" nur "'ton" und statt "Fertig" nur "frrt" geschnarrt.

Volksfest
Eine Drüllmusterung mit all den jungen Soldaten in ihren bunten Uniformen bot auch für die Bevölkerung ein interessantes Schauspiel. Marketender öffneten ihre Buden, die Gasthäuser im Ort hatten Hochbetrieb, Kinder tummelten sich am Rande des Platzes und spielten Soldätlis, während Veteranen im Schatten der Bäume zusammenfanden um alte Erinnerungen aufzuwärmen. Am Abend genoss man nach Herzenslust das Lagerleben mit Gesang, Würfel- und Kartenspiel.

Bei der Musterung der Compagnie 1861 kann man die Kanoniere sehen, wie sie ihren Geschützdrill absolvieren oder die Jägerplotons, die vom Drüllmeister nach altem Exerzier-Reglement gezwiebelt werden.



Die Habersackvisite

Die Inspektion der persönlichen Ausrüstung wurde vor 150 Jahren "Habersackvisite" genannt. Dabei hatte die auf dem Exerzierplatz angetretene Mannschaft in einer klar festgeschriebenen Auslegeordnung das gesamte Material vor Kommandant und Feldweibel zu präsentieren.

In der Compagnie 1861 befasst sich eine Arbeitsgruppe mit dem Studium der Ausrüstung, die damals dem gewöhnlichen Soldaten zur Verfügung gestanden ist.

Es ist erstaunlich, wieviel Material aus der Gründungszeit der Eidgenössischen Armee bis heute erhalten blieb, wieviele Ausrüstungsgegenstände noch bis vor kurzem in unseren Zeughäusern aufbewahrt wurden und wie weit auch die mündliche Überlieferung bis in die Gegenwart hinein wirkt.

Unsere Sammlung umfasst neben wertvollen Museumsstücken auch unspektakuläre Gebrauchsgegenstände, die es uns möglich machen, ein Gesamtbild der damaligen Zeit zu zeigen.

Ein Teil der Mannschaft unserer Compagnie ist inzwischen so ausgerüstet, dass sie den museumsreifen Inhalt ihrer Tornister bei einer Habersackvisite im alten Stil auslegen können.

Vor der Inspektion geht es um die Materialpflege: Da werden die Waffen geputzt, Uniformknöpfe poliert, Gamaschen gestärkt und wird das Lederzeug gefettet. Die ausgefallenen Nägel in den Schuhsolen kann man mit Hilfe eines Hölzchens wieder befestigen.

Für die Generationen, die vor 1950 geboren sind, ist vieles von der alten Soldatenausrüstung noch vertraut. Aber schon die Angehörigen der bereits wieder aufgegebenen Armee 95 haben keine Ahnung mehr, was ein Ceinturon, ein Frosch und ein Aff ist. Wir alle kennen die alten Militärkopfbedeckungen, Uniformfräcke und Banduliers, die noch in manchen Dorf- und Heimatmuseen aufbewahrt werden. Aber was bedeuten die Ziffern, Pompons, Kokarden an den Tschakos? Wie wird der Kaput gerollt? Was ist in der Rolle drin, die oben auf dem Tornister aufgeschnallt ist? Das sind Fragen, die auch uns bei öffentlichen Habersackvisiten immer wieder gestellt werden.



Das Feldbiwak

Höhepunkte im Programm der Compagnie 1861 sind die Biwaks. Da stellen wir auf einer abgelegenen Wiese die Zelte und die Feldküche auf. Am Vormittag erhalten die neuen Rekruten ihre Instruktion. Am Nachmittag findet die Inspektion statt und in der Gefechtsschule gehen die ersten Pulverladungen in Rauch auf. Am Abend sitzt man dann ums Lagerfeuer, geniesst den Spatz aus der Gamelle, den edlen Compagniewein aus dem Blechbecher oder das vereinseigene Wachtmeisterbräu. Alte Geschichten machen die Runde und wenn das Publikum ausser Hörweite ist, werden schliesslich die schröcklichen nur mündlich überlieferten Lieder gesungen.

Die ganze Lagerromantik könnte uns leicht täuschen. Das Studium alter Dokumente, Tagebuchaufzeichnungen und Zeitungsberichten gibt uns eine Ahnung von den Umständen, unter denen unsere Ahnen ihren Dienst geleistet hatten. Primitiv waren die Quartiere und einfach die Verpflegung. Eisenbahn, Dampfschiffahrt steckten noch in den Kinderschuhen und waren noch nicht für die Verfrachtung von Soldaten konzipiert. Die Verschiebungen geschahen in erster Linie per pedes postalorum. In den legendären Gebirgsmanövern anno 1861 und bei den verschiedenen Grenzbesetzungen jener Jahre bewältigten die aus dem Stand mobilisierten Milizsoldaten gewaltige Distanzen.

Aber man braucht die Zeit nicht um 150 Jahre zurückzudrehen. Schon was die Veteranen des Aktivdienstes 39-45 aus ihrer Zeit erzählen, erscheint aus heutiger Sicht aus einer anderen Welt zu stammen.

Auch ein noch so übel verregnetes Weekend irgendwo in den Bündner Bergen ist leicht zu ertragen, wenn man weiss, dass man nachher zurück kann in die eigenen vier Wände, sich ein warmes Bad gönnen und ins weiche Bett sinken darf.