Gotthardmanöver anno 1861

Der "Truppenzusammenzug im August 1861" ist das erste grosse Gebirgsmanöver der jungen eidgenössischen Armee. Eine Division unter dem Kommando des Genfer Obersten Louis Aubert erhielt den Auftrag, den ins Reusstal eingedrungenen Gegner südwärts zurückzutreiben, wobei auch die Seitentäler mit Klausen-, Surenen-, Susten-, Furka- und Nufenenpass in die Aktion einbezogen wurden.

In diesen Manövern bewies sich die Leistungsfähigkeit der frisch mobilisierten Milizsoldaten: Elf Biwaks wurden errichtet, mehrere Gefechtsübungen gegen den von St Galler Scharfschützen markierten "Feind" durchgeführt und die gesteckten Etappenziele in 12 bis 14stündigen Tagesmärschen (zum grössten Teil über schmale Saumpfade) erreicht. Die Übungen fanden ihren Abschluss mit einem Defilee in Sion.

Die Gotthardmanöver sind von Militärfachleuten des benachbarten Auslandes mit grossem Interesse beobachtet worden und die Erinnerung an dieses Ereignis ist in einem prächtigen Bildband des Lithographen Eugen Adam festgehalten.

Die grossangelegte Truppenübung vom 13. bis 25. August 1861 im Reuss- und Rhonetal sollte ganz klar eine dissuasive Wirkung haben: Gegenüber Österreich, Italien und Frankreich wurde demonstriert, dass der junge Bundesstaat willens und fähig ist, seine Alpenpässe gegen einen militärischen Eindringling zu verteidigen. Es sollte klargestellt werden, dass Feldzüge wie sie in den Kriegsjahren 1799/1800 mehrfach von Franzosen, Russen und Oesterreichern über Schweizer Alpenpässe durchgeführt und im Sonderbundskrieg von Oesterreichischer Seite erneut geplant wurden, nun auf heftigen Widerstand der eidgenössischen Armee stossen würden.

Wie sehr die Erinnerung an den Suworow'schen Feldzug bei diesen Manövern Pate stand, zeigt die Schrift "die Kämpfe um den Gotthard im Frühjahr und Sommer 1799", die der damalige EMD-Chef, Bundesrat Jakob Stämpfli den Wehrmännern des eidgenössischen Truppenzusammenzuges von 1861 gewidmet hat.


Der Gotthardpass

Mit dem Bau der Napoleonstrasse durchs Wallis über den Simplon und dem Ausbau der Strassenverbindungen über Simplon, Mt Cenis, Stilfserjoch, Splügen und San Bernardino verlor der alte Saumpfad über den Gotthard in den 1820er Jahren die bedeutende Rolle, die er seit der Bezwingung der Schöllenen während 600 Jahren innegehabt hatte. Die Antwort der Schweiz auf diese ungünstige Entwicklung war der Ausbau der Gotthardstrasse für den Kutschenverkehr (1830), der Bau der Axenstrasse (1860) und der Bau des Eisenbahntunnels (Durchschlag am 29.2.1880).



Die militärische Bedeutung des Gotthards


Die strategische Bedeutung des Gebirgsknotens am St Gotthard hatte sich im Krieg von 1799 deutlich gezeigt. Mit General Radetzkys Interventionsdrohung zu Gunsten des Sonderbundes im November 1847 bestätigte sich die Aktualität dieser Gefahr. Mit dem Ausbau der Passtrasse und im Hinblick auf die geplante Eisenbahnverbindung ist in diesen Jahrzehnten die strategische Bedeutung des Gotthardgebietes stark gewachsen.

Als Antwort auf die neue Lage verstärkte die Schweizer Armee ihre Fähigkeit zur Verteidigung der Alpentransversalen, mit der Durchführung von Gebirgsmanövern und dem Aufbau der Gebirgsartillerie. Die Erfahrungen im Gebirgskrieg von 1799/1800 und das Studium aktueller ausländischer Beispiele zeigten, dass in günstigem Gelände auch kleine Einheiten, wenn sie mit guten Gewehren ausgerüstet und im präzisen Einzelschuss geübt sind, einen kräftemässig stark überlegenen Gegner aufhalten können. Aufgrund dieser Erkenntnis wurden die Scharfschützen gefördert und auch bei der Ausbildung und Ausrüstung der gewöhnlichen Infanterie zunehmend mehr Gewicht auf das präzise Schiessen gelegt. Als statisches Element zur Verteidigung des Alpenraums funktionierte die von General Dufour vorangetriebene Landesbefestigung; vorerst mit dem Ausbau der Sperren bei St Maurice und St Luziensteig, dann mit der Planung der Gotthardfestung, deren erste Etappe 1886 - 1894 zum Schutz des Bahntunnels realisiert wurde. Der Gotthard erhielt mit der Schaffung des Reduit 1940 durch General Guisan eine zentrale Bedeutung für die Landesverteidigung.


Erinnerungen an die legendären Gotthardmanöver


Am Sechseläuten vom 9. / 10. April 2000, bei dem Uri als Gastkanton nach Zürich eingeladen war, hat die Marschgruppe des Unteroffiziersverbandes die legendären Gotthardmanöver dargestellt. Im Umzug gezeigt wurden Scharfschützen, Jäger und Gebirgsartilleristen mit der Kanone Ord 1844. Dieser 8-Pfünder mit Bronzerohr ist das erste Schweizer Gebirgsgeschütz. Die Umzugsgruppe, die der historischen Gotthardpost folgte, wurde angeführt von der Fahne des UOV Uri und der SUOV-Zentralfahne, die in ihrer Gestalt an die damaligen Bataillonsfahnen erinnert. Gotthardmanöver am Sechseläuten vom 10.4.00 in Zürich.